Der verlustreiche Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln im Jahr 2009 hinterließ am Waidmarkt eine Leerstelle und die Frage, wie Gedenken und Zukunft an einem verwundeten Ort zusammengeführt werden können. Im Rahmen des von der Stadt Köln in der nachfolgenden Aufarbeitung gemeinsam mit Bürgerinitiativen, Verwaltung und KVB entwickelten Konzepts für Kultur und Gedenken werden durch einen öffentlichen Wettbewerb künstlerische Interventionen realisiert, die den Ort des Kulturgutverlusts zu einem neuen Kulturort werden lassen.
Nach Panorama Waidmarkt (2024–2025) der Rotterdamer Gruppe Observatorium entwickelt in 2026 ein interdisziplinäres Team um den Künstler Moritz Riesenbeck eine künstlerische Intervention im öffentlichen Raum am Waidmarkt in Köln. In Kollaboration mit dem Kunstverein About Repetition e.V., dem Architekturbüro ACCESS und dem Label BRUTALISM entstehen mit dem Projekt Mapping Waidmarkt neue Zugänge zum Stadtraum und seiner Geschichte.
Mapping Waidmarkt verbindet partizipative Forschung mit Klangarbeiten, audiovisuellen Performances und Dokumentation in einem offenen künstlerischen Prozess. Dabei fungiert Klang als Träger und Erzeuger von Atmosphären, um einen sinnlichen Zugang zur Gegenwart des Waidmarkts und seiner geschichtlichen Tiefenzeit zu eröffnen. Ausgehend von der akustischen Erforschung des Ortes versteht das Projekt den Waidmarkt als Ort der Überlagerung unterschiedlicher Zeitschichten: persönlicher Erinnerungen, städtischer Transformationen und der symbolischen Bedeutung des Archiveinsturzes.
In einem sechsmonatigen Programm entstehen in zwei Projektphasen neue Verbindungen zwischen Klang, Erinnerung und Stadtraum. In Phase 1 wird der Ort durch Ortsanalysen und Soundwalks gemeinsam mit Bürger*innen erfahrbar gemacht und als fortlaufender Prozess urbaner Transformation verstanden. Stimmen, Erinnerungen und Atmosphären des Ortes und deren Nutzer*innen werden gesammelt, um sie in Phase 2 durch öffentliche Performances und Klangarbeiten künstlerisch zu transformieren. Die Resultate beider Phasen, wie Tonaufnahmen, Gespräche, Dokumentationen und performative Spuren werden Teil eines digitalen Mappings, das bis zum Projektende weiterentwickelt und über die Website zugänglich gemacht wird. Alle Bestandteile dieses Archivierungsprozesses finden in einer Kapsel statt, die zeitgleich den Stadtraum aktiviert.
Im Zentrum des Projekts steht eine mobile, multifunktionale Kapsel, die im Stadtraum als Arbeitsplatz, Archiv und Bühne fungiert. Als Nachbau eines Moduls des 2022 abgerissenen Nakagin Capsule Tower (Kisho Kurokawa, 1972) greift sie die Ideen der metabolistischen Architektur auf, überträgt diese Vision auf den Kontext des eingestürzten Archivs und verbindet sie mit Fragen kollektiver Erinnerung, urbaner Transformation und kulturellen Austauschs.
Der japanische Metabolismus verstand Gebäude als wandelbare Systeme, die sich ähnlich wie Organismen erneuern, wachsen und auf gesellschaftliche Veränderungen reagieren. Während die metabolistische Architektur auf kontinuierliche Erneuerung setzt, verweist der Waidmarkt auf deren Unterbrechung: Fragmente, Leerstellen und Brüche bleiben sichtbar. Durch ihre Verortung am Waidmarkt wird die Kapsel zu einem sichtbaren und begehbaren Arbeitsort, in dem das Projekt vorbereitet, durchgeführt und weiterentwickelt wird. Hier werden Materialien gesammelt, Stimmen aufgezeichnet, Inhalte geordnet und künstlerisch übersetzt. Der gesamte Prozess bleibt dabei öffentlich zugänglich und hebt die Trennung zwischen Produktion und Präsentation auf. So entsteht ein Raum, in dem sich Erinnerung, Arbeit und Öffentlichkeit überlagern und ein fortlaufender Austausch im Stadtraum stattfindet.
Gleichzeitig fungiert die Kapsel als Schnittstelle zu einer lebendigen Sammlung, die nicht nur den Waidmarkt dokumentiert, sondern auch dessen Atmosphären und soziale Dynamiken. Über eine auf der Website zugänglichen Karte lassen sich alle Bestandteile des Projekts verorten und in Beziehung zueinander setzen. Klänge von Orten und individuelle Zugänge zu ihnen werden Teil dieser öffentlichen Sammlung, die sich stetig erweitert - ein Kartieren, das nicht nur festhält, sondern Beziehungen sichtbar macht. Durch die kontinuierliche Arbeit vor Ort wird diese als digitales Mapping entstehende Sammlung nachvollziehbar als lebendiger Prozess, der sich im öffentlichen Raum entfaltet. Darüber hinaus werden durch ein Magazin und einen Podcast weitere Zugänge geschaffen, die Einblick in diese wachsende Sammlung geben. Mit Klang als verbindendem Element entsteht mit der Karte eine Sammlung, die den Ort selbst sprechen lässt, das Unsichtbare in eine erfahrbare Form übersetzt und neue Zugänge zu Erinnerung eröffnet für alle, die den Waidmarkt und seine Geschichte neu wahrnehmen wollen.
Phase 1 untersucht den Waidmarkt partizipativ als akustischen und sozialen Raum. Ausgehend von der Idee der Stadt als Palimpsest wird der Waidmarkt in den Ortsanalysen als vielschichtige Struktur gelesen, in der sich historische Stadtgrundrisse, infrastrukturelle Eingriffe und die Spuren der Katastrophe überlagern. Gemeinsam entstehen fragmentarische 3D-Scans, die Übergänge, Brüche und Leerstellen erfassen und den Ort zwischen Erinnerung, Gegenwart und zukünftiger Entwicklung untersuchen. Die Soundwalks richten als geführte, bewusste Hörspaziergänge die Aufmerksamkeit auf die akustischen Qualitäten des Waidmarkts und machen Atmosphären, Rhythmen und soziale Dynamiken erfahrbar. So entsteht ein kollektiver Zugang zum Stadtraum, in den die Wahrnehmungen und Erinnerungen der Teilnehmenden aktiv einfließen. Die gesammelten Materialien werden in Phase 2 von eingeladenen Künstler*innen in öffentlich präsentierte Klangarbeiten und performative Formate übersetzt, die neue Verknüpfungen zwischen Orten, Erinnerungen und Perspektiven herstellen.
Die methodische Herangehensweise basiert auf einer individuellen Entdeckung des Ortes durch insgesamt 30 Teilnehmer. Mithilfe von 3D-Scan-Apps werden fragmentarische Raumaufnahmen erzeugt, die gezielt Übergänge, Brüche und Leerräume erfassen. Die Scans dienen nicht nur der Dokumentation, sondern als analytisches Werkzeug, um räumliche Überlagerungen und Abwesenheiten sichtbar zu machen. Durch die Zusammenführung der einzelnen Perspektiven entsteht ein kollektives, vielschichtiges Bild des Waidmarkts. Ziel ist es, den Ort als offenen, instabilen Zustand zu begreifen – als eine urbane Struktur, die sich kontinuierlich transformiert und neu eingeschrieben wird.
Die heutigen Geräusche der Baustelle, das Dröhnen der Maschinen und das Flattern der Fahnenstangen: Das daraus entstehende „Rascheln“ erinnert an die freigelegten Dokumente des eingestürzten Archivs und bildet den akustischen Ausgangspunkt des Soundwalks. Der Titel „Blinder Fleck“ verweist sowohl auf die weitgehend unbekannten Inhalte des Stadtarchivs als auch auf den Waidmarkt selbst, der auf digitalen Karten als unscheinbare graue Fläche erscheint. Obwohl nach dem Einsturz rund 95 % der Archivbestände geborgen werden konnten, bleiben die geretteten Dokumente und ihre Geschichten für die meisten Menschen unsichtbar. Im Rahmen des Projekts wird diese Leerstelle durch eine künstlerische Schatzsuche erfahrbar gemacht. Ausgehend von den verbliebenen Zahlen am Ort entsteht eine Karte der Beziehungen, die zu ausgewählten Archivobjekten führt. historische Ausstellungsstücke werden als „Schätze“ des Archivs neu entdeckt und mit konkreten Orten am Waidmarkt verknüpft. An den einzelnen Stationen vermitteln Hörstücke aus Sounddesign und Spoken Word die Geschichten hinter den Objekten. Der Soundwalk macht verborgene Archivbestände hörbar und eröffnet neue Zugänge zur Geschichte des Ortes zwischen Erinnerung, Verlust und Wiederentdeckung.
Ablauf (ca. 1 Stunde):
25 Min: Gemeinsame Einführung vor Ort (Kontext, Material und Geschichtliches)
20 Min: individuelle Erkundung des Waidmarkts (mit eigener kleiner Kapsel/iPod, Audioguide)
20 Min: Gemeinsamer Abschluss und Zusammenführung der Eindrücke und neu gewonnenen Informationen